Zeitenwende
Klima-Krise, COVID, Ukraine-Krieg, Aufrüstung – was steckt hinter dem Dauer-Notstand und warum werden die Super-Reichen dabei immer reicher?
Die schier endlose Folge immer neuer Krisen und Bedrohungen wird gern als „Zeitenwende“ bezeichnet, wobei tiefere Hintergründe weitgehend im Verborgenen bleiben. Der bekannte Kapitalismus-Forscher Colin Todhunter erkennt darin die zunehmend zerstörerische Schaffung profitabler Geschäftsfelder durch vorrangig anglo-amerikanische Finanz-Eliten, denen auch Deutschland zum Opfer fällt. Eine gekürzte Version seiner Analyse folgt unten in deutscher Übersetzung.
Die globalen Störungen, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, werden häufig als chaotische Abfolge zufälliger Ereignissen dargestellt: COVID-Krise, Inflation, Energieknappheit und Krieg. Kein Wunder, dass die meisten Menschen verwirrt sind. Eine strukturelle Analyse zeigt jedoch eine gezielte Zerstörung des Gesellschaftsvertrags des 20. Jahrhunderts. Wir erleben einen Übergang von einem produktiv-kapitalistischen Modell, das eine gesunde Massenarbeitskraft erforderte, hin zu dem, was Yanis Varoufakis eine techno-feudale Ordnung nennt.
Dieser Übergang wurde durch eine verzweifelte finanzielle Stabilisierung im Mantel einer Gesundheitskrise eingeleitet. Wie von Professor Fabio Vighi festgestellt, erreichte das globale Finanzsystem Ende 2019 einen Punkt terminaler Instabilität, was durch den Zusammenbruch des US-Repomarktes belegt wird, in welchem sich Banken gegenseitig Kredite verleihen.
Das Einfrieren der Realwirtschaft durch Lockdowns war von einer massiven Geldzufuhr durch die Zentralbanken begleitet, um vor allem das Finanzwesen zu retten. Wenn dieses Geld in eine funktionierende Wirtschaft eingedrungen wäre, hätte das Hyperinflation ausgelöst. Indem die Elite die Bevölkerung zu Hause hielt, führte sie eine heimliche Rettungsaktion durch, welche die Dominanz der Finanzklasse bewahrte und dazu die produktive Mittelschicht opferte.
Allerdings musste auch ein geopolitischer Neustart erfolgen. Jahrzehntelang basierte Deutschlands Wirtschaft auf drei Säulen: billigem russischem Gas, Hightech-Exporten nach China und einem US-Sicherheitsschirm. Am Ende des Jahres 2025 sind alle drei zersplittert. Wie Prof. Michael Hudson anmerkt, war die “Sabotage” der Nord Stream-Pipelines eine strukturelle Notwendigkeit für die westliche Finanzelite.
Wenn Deutschland weiterhin mit Russland und China integriert wäre, hätte das einen Machtpol geschaffen, der die US-Dominanz bedroht hätte. Der Konflikt in der Ukraine führte dazu, dass Deutschland das russische Pipeline-Gas ersetzte und zu einem massiven Ausbau von Flüssiggas-(LNG)-Infrastruktur und der Abhängigkeit von LNG aus den USA gezwungen wurde. Im Gegensatz zu Pipeline-Gas muss LNG unterkühlt, transportiert und wieder vergast werden, ein Prozess, der von Natur aus drei- bis viermal teurer ist.
Im Ergebnis sank die deutsche Industrieproduktion im Jahr 2025 auf den niedrigsten Stand seit den 1990er Jahren. Schwerindustrien wie BASF (Chemie) und ThyssenKrupp (Stahl) verlagern sich in die USA oder China.
Während Deutschland absteigt, profitiert die Finanz-Enklave “City of London” von globaler Instabilität. Unter anderem ist die City das globale Zentrum für Kriegsrisikoversicherungen und Energievermittlung. Wenn eine Pipeline zerstört wird oder eine strategisch wichtige Schifffahrtsroute bedroht ist, verdreifacht sich der Preis der Risikoversicherung. Der Londoner Versicherungsmarkt (Lloyd’s) zieht diese ‘Risikoprämien’ aus der Weltwirtschaft ab.
Die Broker der City behandeln geopolitische Instabilität als Anlageklasse. Während private Haushalte durch wachsende Energierechnungen belastet werden, bleibt das Finanzzentrum profitabel, indem es Reichtum aus dem Chaos schöpft, das die Außenpolitik zu erzeugen beiträgt.
Darüber hinaus hat die City of London ihre Position als unverzichtbarer Zwischenhändler des transatlantischen Energie-Handels gesichert. Während das physische Gas aus den USA stammt und in Europa verbraucht wird, wird die finanzielle und rechtliche Architektur dieses Handels fast vollständig in London verwaltet.
Rohstoffbroker und -börsen wie ICE (Intercontinental Exchange) in London verzeichnen Rekordvolumina bei LNG-Futures und Derivaten. Dies sind finanzielle Wetten auf den zukünftigen Gaspreis. Mit zunehmender Volatilität steigen die Gebühren und Provisionen, die von in London ansässigen Händlern und Clearinghäusern erhoben werden.
Mehr als 90 % der weltweiten Schifffahrtsversicherungen, einschließlich der spezialisierten, hochprämienpflichtigen Deckung für LNG-Tanker, werden über Lloyd’s unterzeichnet. Mittels Durchsetzung strenger Kriegsrisikoprämien für jedes Schiff, das in europäische Gewässer eintritt, erhebt London effektiv eine private Steuer auf jedes Gasmolekül, das die verlorene russischen Pipeline-Versorgung ersetzt.
Dies stellt sicher, dass die Finanzunternehmen der Stadt einen enormen Tribut aus der Versorgung mit Ersatzlieferungen erzielen, während die europäische Industrie mit hohen Energiekosten zu kämpfen hat.
Natürlich führt die strukturelle Neuordnung der Volkswirtschaften zu enormen sozialen Spannungen. Hier kommt die ‘russische Bedrohung’ ins Spiel. Sie wurde zu einer umfassenden Rechtfertigung erhoben, den inländischen Widerstand zu knebeln und die Öffentlichkeit zu mobilisieren, sich hinter die Flagge zu stellen. Das Schreckgespenst erfüllt eine wichtige psychologische Funktion, indem es den wachsenden Unmut der Bevölkerung in eine patriotische Pflicht verwandelt, Entbehrungen zu ertragen.
Unter diesem Regime des ‘permanenten Notstands’ kann jede Arbeitskampfaktion, jeder Protest oder systemische Kritik als bösartiger ausländischer Einfluss oder Subversion abgestempelt werden, was es dem Staat erlaubt, weitreichende Polizeibefugnisse durchzusetzen, um interne Widerstände zu unterdrücken.
Um Milliarden an Steuergeldern von öffentlichen Dienstleistungen in den militärisch-industriellen Komplex umzuleiten, um in einer scheiternden Wirtschaft “Wachstum” zu schaffen, muss der Staat ein hohes Maß an existenzieller Angst aufrechterhalten. Im Vereinigten Königreich sieht die Defence Industrial Strategy 2025 die Militarisierung ausdrücklich als Wachstumsmotor und nutzt das Gespenst einer russischen Invasion, um eine staatlich subventionierte Vermögensübertragung an Hightech-Rüstungsunternehmen zu legitimieren.
Indem sie einen dauerhaften Zustand der Kriegsbereitschaft schaffen, sorgt die Elite dafür, dass eine Hauptsäule der Wirtschaft diejenige ist, die direkt der Sicherheit des Staates dient, während der Bevölkerung gesagt wird, dass schwindende Gesundheitsversorgung und Renten ein notwendiges Opfer für das nationale Überleben sind.
In dieser Hinsicht sehen wir auch den wandelnden Status des Menschen. Im Industriezeitalter brauchte der Staat die Arbeiterklasse und investierte in Gesundheitsversorgung und die Bildung, weil eine geeignete Bevölkerung benötigt wurde, um die Produktion anzutreiben. Künstliche Intelligenz, Robotik und wirtschaftlicher Niedergang machen einen Großteil dieser Arbeitskräfte zunehmend überflüssig.
Da das Kapital diese Arbeitskräfte nicht mehr als wünschenswert oder profitabel betrachtet, entzieht der Staat seine Fürsorge. Der sichtbare Verfall des Gesundheitswesens ist das Ergebnis bewusster Desinvestitionen. Wenn der Arbeitnehmer nicht mehr für die Produktion benötigt wird, betrachtet der Staat Gesundheitsversorgung als ‘nicht leistungsfähige Kosten’, die liquidiert werden sollen.
Wenn eine Bevölkerung kein Vermögenswert mehr, sondern eine fiskalische Belastung ist, wechselt der Staat von der Pflege zur Verwaltung des Abbaus. Es ist kein Zufall, dass wir im Westen Forderungen nach einer schnellen Legalisierung von assistiertem Suizid sehen. Dies könnte auch helfen, die massive Verschreibung des Betäubungsmittels Midazolam in britischen Pflegeheimen zu erklären sowie die Einstellung der Wiederbelebung während der COVID-Krise.
Was können wir in Zukunft erwarten? Wir werden sehen, wie die Eliten weiterhin die Erzählung vom dauerhaften Notstand unter dem Deckmantel der Klimakrise und der russischen Bedrohung verbreiten, um die ideologische Disziplin für eine verstärkte Sparpolitik zu schaffen. Zugleich errichten digitale IDs und bargeldlose Bezahlmethoden ein System der zunehmenden Kontrolle.
Die Quellen des Original-Artikels und eine erweiterte Analyse mit Fokus auf die Nahrungsmittel-Industrie sind im Internet verfügbar.



Die Frage cui bono ist immer die interessanteste. Leider werden die meisten Menschen diese Überlegungen als wilde Verschwörungstheorie abtun, zumindest solange es ihnen noch gut genug geht.